Techart-Porsche 911 Turbo im Test: Sprint-König - unter drei Sekunden

Techart-Porsche 911 Turbo

Der Techart-Porsche 911 Turbo durchbricht als erstes Fahrzeug im Test die Drei-Sekunden-Marke beim Sprint von Null auf 100 km/h. Damit fällt 20 Jahre nach der Berliner Mauer auch bei sport auto eine historische Grenze mit der Beschleunigungsmessung des 620 PS starken Tuner-Coupés aus Leonberg.

"Das war schon eine richtige Kanonenkugel", erinnert sich Techart-Gründer Thomas Behringer an den ersten getunten Porsche 911 Turbo aus der Leonberger Porsche-Manufaktur. Damals, das war 1992. Damals lag die Betonung bei Techart noch auf Art. Künstlerisch veredelte der Highend-Tuner in erster Linie die Porsche-Optik. Doch auch schon beim Porsche 964 Turbo kitzelte eine moderate Techart-Leistungssteigerung 360 statt 320 PS aus dem 3,3-Liter-Boxer-Herz unter dem Heckflügel im Couchtisch-Format. "Später gab’s die Kanonenkugel auch mit 380 PS", blickt Behringer schmunzelnd zurück. Die Kanonenkugel ist zu einem Meteoriten mutiert. 18 Jahre nach dem ersten modifizierten Techart-Turbo rollt nun die zweite Turbo-Generation der 997-Baureihe an den Start.

An Perfektion grenzende Verarbeitung

Schon das Datenblatt steigert den Pulsschlag. Aus dem ohnehin nicht schmalbrüstigen 3,8-Liter-Triebwerk mit 500 PS holt die Techart-Entwicklungsmannschaft mit neuer Sportabgasanlage, Fächerkrümmern und geänderter Motronic sowie 0,45 bar mehr Ladedruck 620 PS bei 6.400 Kurbelwellenumdrehungen. Der Drehmomentgipfel wächst von 700 auf 820 Newtonmeter. "Dafür mussten wir uns richtig anstrengen, denn schon der Basis-Turbo ist ein hervorragendes Auto", sagt Techart-CEO Behringer. Ein halbes Jahr lang wurde akribisch entwickelt und getestet. Testen? Gutes Stichwort, rein in die vorzüglich passenden Sportschalensitze. Vor dem Zündschlüsseldrehen heißt es erst einmal schnuppern, schmecken, fühlen.

Der erste Gruß aus der Küche ist typisch für Techart. Wie alle Preziosen aus der Leonberger Edelschmiede verwöhnt auch das weiße Coupé seine Gäste im Interieur. Weiße Ziernähte, gelbe Gurte und zweifarbig lackierte Applikationen hauchen dem Turbo-Cockpit für 17.850 Euro wie in einer Szene-Bar in Manhattan stylisch-exklusives Lounge-Ambiente ein. Genug Lederduft geschnuppert - Zeit, akustisches Aroma zu kredenzen. Der aufgeladene Techart zeigt seine Potenz nicht wie die Japan-Konkurrenz halbstark mit Wastegate-Zwitschern. Ohne Rennstreifen-Gedöns, gekleidet in unschuldigem Weiß, cruist er entspannt mit zurückhaltendem Boxer-Gebrabbel. Er steht über den Dingen und weiß, was er kann.

Mit 2,9 Sekunden stellt der Techart-Porsche 911 Turbo einen Rekord auf

Gestatten, mein Nachname ist Taifun. Vom lauen Sommerlüftchen bis zum tropischen Wirbelsturm vergehen im Techart-Turbo tausendstel Sekunden. Wenn Gaspedal und Bodengruppe sich vereinen, herrscht nicht nur akustisch Windstärke 12. Als sport auto-Tester gehört die Vokabel "schnell" zum leidenschaftlichen Berufsalltag, doch der getunte Biturbo drückt im Gehirn die Löschtaste und eliminiert alle abgespeicherten Beschleunigungserlebnisse. Dem bissigen Ansprechverhalten folgt eine besondere Gas-Orgie. Schlupf? Mit aufgewärmten Cup-Pneus und perfekt funktionierender Launch Control beantwortet der gepimpte PDK-Elfer die Frage nach seinem Traktionsniveau beim stehenden Start lässig. 2,9 Sekunden: Zeit für das erste breite Tester-Grinsen, 6,4 Sekunden später können die Lachfalten fast nur noch operativ entfernt werden.

Techart-Variante ist dem Serien-Turbo in allen Disziplinen überlegen

Der automobile Sprengsatz pulverisiert beim 0-100-Sprint alle bisher von sport auto gemessenen Probanden (Hier kommen Sie zum Test des Serien-Porsche 911 Turbo mit 0-100: 3,2 Sekunden). In 9,3 Sekunden rauscht der Turbo schneller als ein Koenigsegg CCX auf 200 km/h (Hier kommen Sie zum Koenigsegg CCX-R im Beschleunigungs- und Bremsduell 0-300-0 km/h). Ein Tempo-Hero gibt dabei nicht mit übertriebener Tacho-Skalierung an. Der 350 km/h-Marke versetzt der Techart-Punch zwar keinen Knockout, doch die feuerrote Tachonadel verdreht den speedgelben Ziffern des Kombiinstruments gehörig den Kopf. Halb zwei, Vollmond und eine einsame Autobahngerade: Mit echten 331 km/h verrät das GPS beim nächtlichen Shootout die Grenze des Porsche-Projektils. Techart verspricht 2 km/h mehr, doch die sind wahrscheinlich an einer Bodenwelle hängengeblieben. Die Spurstabilität im Techart-Porsche 911 Turbo ist selbst bei hohem Tempo gut, das Schluckvermögen des um 25 mm tieferen Gewindefahrwerks könnte auf Unebenheiten noch etwas besser sein.

Auf der Rennstrecke ist der Techart-Porsche deutlich schneller als der Serien-Elfer

Ob das 1.580 Kilogramm schwere Coupé das Asphaltband nun auf der Autobahn oder auf dem Kleinen Kurs in Hockenheim durch seine seitlichen Turbo-Kiemen inhaliert, der Techart erinnert keineswegs an einen getunten Bastel-Boliden. Mit einer Rundenzeit von 1.09,8 Minuten ist er 2,1 Sekunden schneller als der Serien-Elfer. Dank Sportreifen und mehr Grip auf der Vorderachse lenkt der Tuning-Turbo noch williger ein als das schon extrem präzise agierende Serienpendant. Die Hinterachse arbeitet dafür etwas agiler, bleibt aber jederzeit sicher beherrschbar. Weniger Seitenneigung beschert auch im 18-Meter-Slalom ein Geschwindigkeitsplus von 2,7 km/h. Ohne Fehl und Tadel arbeitet wie beim Werksmodell aus Stuttgart-Zuffenhausen die Karbon-Keramik-Bremsanlage. "Wir wollten ein Auto mit einem nach oben verschobenen Leistungsniveau, das aber sonst so gut fahrbar wie das Serienauto ist", erklärt Techart-Chef Behringer die Vorgaben im Lastenheft für die aktuelle Turbo-Kreation. "Die Turbo-Kanonenkugel von 1992 war da im Grenzbereich ein deutlich rauerer Geselle."

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