Mercedes E 63 AMG auf dem Hockenheimring

Exklusive Fahreindrücke von den Erprobungsfahrten

Noch tritt das neue E-Klasse-Topmodell, der 525 PS starke Mercedes E 63 AMG, im Tarnkleid an. Ganz ohne Make-up wird das Auto mit dem höchsten Modifikationsgrad aller AMG-Modelle erst auf der New York Motorshow im April zu sehen sein. Anlässlich einer Erprobungsfahrt in Hockenheim durfte sport auto vorab schon ein paar exklusive Eindrücke sammeln.

Südafrika, Amerika, Schweden oder die Nordschleife des Nürburgrings – gemeinhin lesen sich die üblichen Reiseziele der Entwicklungsingenieure exotischer als in diesem Fall. Dabei sind Erprobungsfahrten auf dem Kleinen und Großen Kurs in Hockenheim sowohl für Mercedes AMG als auch für sport auto im wahrsten Sinne des Wortes naheliegend. Zum einen, weil die Anreise zu der vergleichsweise banalen Destination im Badischen recht leicht gelingt - vom Stau auf der notorisch überlasteten A6 Heilbronn - Mannheim einmal abgesehen.

Zum anderen aber auch, weil sich auf diesen Strecken eigentlich jeder, der in oder nahe Stuttgart beheimatet ist und arbeitet, recht gut auskennt, ein Abgleich mit zuvor gemachten "Erfahrungen" also problemlos möglich ist.

Der alte und neue Mercedes E63 AMG im Vergleich

Hockenheim also. Und - man höre und staune - trotz tiefdunkler Wolken am Himmel bis kurz vor Schluss doch nur ein paar Tropfen auf dem kühlen Asphalt und zuweilen gar ein paar kurze Lichtblicke in Form zögerlich zwinkernder Sonnenstrahlen. Für diesen Spätwinter ist das schon fast zu viel des Guten. Da stehen sie also in einer Box friedlich vereint und vor neugierigen Blicken sorgsam verborgen: der alte und der neue Mercedes E 63 AMG. 11 PS stärker ist der anlässlich der ersten Begegnung mit den sport auto-Redakteuren noch heftig getarnte Newcomer.

525 Pferdestärken notiert nunmehr das Datenblatt. Am maximalen Drehmoment von 630 Newtonmeter hat sich nichts geändert. Dass dies auch für die äußeren Abmessungen und das Gewicht gilt, mag man in Anbetracht des stämmig-maskulinen Auftritts der neuen Hochleistungslimousine kaum glauben. Mutet der noch aktuelle E 63 AMG im direkten Vergleich doch geradezu filigran an. Die zugunsten eines verbesserten Fußgängerschutzes nun höher aufragende Frontpartie mit den kantig gehalten Doppelscheinwerfern und den stark ausgestellten Kotflügeln lässt anderes vermuten.

Der Neue ist lediglich in die Breite gegangen

Tatsächlich ist der Neue jedoch lediglich etwas in die Breite gegangen. Länge und Gewicht blieben weitgehend unverändert. In Bezug auf den Unterbau und die technischen Feinheiten gilt derlei nicht. Hier geht die in Affalterbach ansässige Performance-Marke von Mercedes- Benz inzwischen weit eigenständigere Wege als bisher.

Das komplett neu entwickelte AMG Ride Control Fahrwerk mit elektronisch geregelter Dämpfung und neu konstruierter Vorderachse ist exklusiv dem Topmodell vorbehalten. Gleiches gilt für die ungewöhnliche Kombination aus herkömmlicher Stahlfederung an der Vorder- und Luftfederung an der Hinterachse nebst dreifacher Fahrwerkshärtenverstellung.

Vorsprung von zwei Sekunden gegenüber dem Vorgängermodell

Beim insgesamt deutlich komfortbetonteren Mercedes E 500 ist die Wahl in Sachen Setup auf Komfort und Sport beschränkt. Dies, das vom SL 63 AMG übernommene 7-Gang-Speedshift-Sportgetriebe mit im Ölbad laufender nasser Anfahrkupplung und vier individuellen Fahrprogrammen nebst Race- Start-Funktion, ein dreistufiges ESP und die neu entwickelte Servolenkung, die um 22 Prozent direkter übersetzt ist als in der Serie, sollen der neuen Hochleistungslimousine aus Affalterbach auf dem Kleinen Kurs einen Vorsprung von rund zwei Sekunden gegenüber dem Vorgängermodell bescheren.

Eine Ansage, die aufgrund der bei ersten Proberunden gesammelten Eindrücke allemal glaubhaft erscheint und den Mercedes AMG auf ein Niveau mit dem brandaktuellen, leistungsstärkeren und allradgetriebenen Audi RS6 hieven würde. Jener umrundete den Hockenheimer Kurs im sport auto-Test binnen 1.15,3 Minuten. Das inzwischen etwas in die Jahre gekommene Konkurrenzmodell von BMW, der M5, hätte bei anzunehmenden 1.15,4 Minuten für den neuen E 63 AMG (Vorgänger 1.17,4 min.) dann selbst in Bestform das Nachsehen.

Der Bayern-Express brannte bei sport auto Zeiten von 1.16,3 und 1.16,8 Minuten auf den Asphalt. Im direkten Vergleich zum bisherigen Mercedes E 63 AMG ist zu konstatieren, dass sich die neue V8-Limo an der Vorderachse deutlich besser abstützt - was der Agilität und der Fahrstabilität gleichermaßen zugute kommt.

Die neu entwickelte Vorderachse mit gegenüber dem Serien-Achtzylinder um 56 Millimeter größerer Spurweite, Rohrstabilisator, geänderten Querstreben, neuen Radlagern, modifizierter Elastokinematik und neuen Radlagern für mehr negativen Sturz macht‘s möglich. Ihr steht eine zwecks möglicher Niveauregulierung mit AMG-spezifischen Luftfedern versehene Hinterachse zur Seite, deren Elastokinematik gleichfalls überarbeitet wurde. Die Sturzwerte sind hier ebenfalls höher. Zudem wurde ein neues Fahrschemellager montiert, was sich positiv auf die Stabilität im Grenzbereich auswirkt. So gerüstet lenkt der Newcomer deutlich direkter ein als das Vorgängermodell, wankt weniger, schaltet im Sport Plus- oder manuellen Modus deutlich schneller und hängt subjektiv gieriger am Gas.

0-100-Sprint: 4,5 Sekunden

An dem vom Werk angegebenen Fahrleistungswerten hat sich hingegen nichts getan. Die freiwillige Selbstbeschränkung bei 250 km/h hat ebenso Gültigkeit behalten wie der für den 0-100-Sprint genannte Wert von 4,5 Sekunden. Denkbar viel passiert ist hingegen in Bezug auf die Bremsanlage des Hochleistungs-E, für die AMG bislang in nahezu jedem sport auto-Test Kritik einstecken musste. Verzögerungsleistung und Standfestigkeit waren nicht State of the Art. Nun lässt der erste Eindruck deutlich mehr vermuten: Der Druckpunkt ist spürbar präziser geraten als bisher, das Ansprechverhalten insgesamt knackiger geworden. "Ja", bestätigt AMG-Chefentwickler Tobias Moers, "an der Bremse haben wir ordentlich gearbeitet. Aufgrund der geänderten Balance des Fahrzeugs - das Auto ist nun hecklastiger - können wir hinten mehr Bremse fahren. Die Scheiben sind jetzt rundum 360 Millimeter groß. Bislang waren hinten nur 330er-Scheiben montiert."

High-Tech-Freaks können zudem gegen Aufpreis auch eine Keramik- Verbundbremsanlage ordern. Apropos Aufpreis: Wer meint, dass der neue Mercedes E 63 AMG vermutlich in vollem Ornat das Werk verlässt, irrt. Neben der stattlichen Anzahl der im E 500-Fahrbericht genannten Assistenz- und Sicherheitssysteme lässt sich das E-Klasse-Topmodell auch fahrdynamisch nahezu beliebig aufwerten.Serienmäßig geht nämlich auch das sportliche Flaggschiff nur auf 18 Zoll großen Rädern an den Start. Wer Wert auf 19 Zoll große Leichtmetallräder in Schmiedetechnologie legt, kann das AMG Performance Paket mitbestellen. Neben der üppigeren Bereifung im Format 255/35 R 19 vorn und 285/30 R 19 hinten umfasst dieses ein Performance Fahrwerk mit strafferer Abstimmung, ein mit bis zu 40 Prozent sperrendes mechanisches Hinterachsdifferenzial, eine Abrisskante am Heck und das AMG Performance Lenkrad im Dreispeichen-Look.

Einzeln lassen sich diese und weitere Ausstattungsfeatures wie bespielsweise ein Carbon-Paket fürs Exterieur auch im ansonsten für die Black Series-Modelle verantwortlich zeichnenden Performance Studio ordern. Den Möglichkeiten - fahrdynamischer wie finanzieller Art - sind beim neuen Mercedes E 63 AMG , den es auch als Lasten tragendes T-Modell nicht aber als Coupé geben wird, demnach kaum Grenzen gesetzt.

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