Die in ihrem Ablauf geradezu bedächtig vorgetragene Prozedur des sich Öffnens mag zwar nicht mehr up to date sein. Dennoch fügt sie sich nahtlos und stimmig in dieses per se leicht exhibitionistisch angehauchte Gesamtsystem ein. Während sich die restliche aktuelle Cabrio-Gilde in Bewegung - wenn auch bei Schleichfahrt - elektrisch entblättern lässt, wird der Lamborghini Gallardo LP 560-4 Spyder beim Durchführen dieses Akts zwangsweise zum ruhenden Pol.
Das 5,2 Liter große V10-Triebwerk bleibt verborgen
Die riesige Heckklappe reckt sich nur bei Stillstand und dann im Zeitlupentempo nach oben, um die knapp geschnittene Stoffkapuze zu schlucken. Der Striptease wird zum feierlichen Akt - eine weitere Facette der Extrovertiertheit eines Lamborghini. Wenigstens erhascht man zumindest während dieser Zeremonie einen kurzen Blick auf das betörende Herz im Heck.
Denn im Gegensatz zum Coupé bleibt der mit Audi-Genen durchsetzte, 5,2 Liter große V10-Treibsatz im Italo-Spyder vor interessierten Blicken verborgen. Leider. Dafür stimuliert der unlängst auf 560 PS erstarkte Direkteinspritzer alle sonstigen Sinne umso zügelloser. Es ist ein allumfassender Reiz, den diese grandiose Antriebseinheit mit ihrer Vehemenz ausübt, und der für die Erlebenden zwangsweise in einem wahren Freudentaumel mündet.
Das Faszinationspotenzial des V10 gründet zunächst auf einen Vortrieb, der sich auch durch die zusätzlichen 80 Kilogramm, die das Cabriolet als stabilisierenden Hüftgürtel mit sich schleppen muss, unbeeindruckt zeigt. Trotz versteifender Maßnahmen am Unterbau und gewichtiger Verdeckmimik tritt der Allrad-Spyder an, als wäre die Trägheit der Masse eine veraltete Erkenntnis. Dem Zehnzylinder scheint es dabei auch schlichtweg wurst zu sein, in welcher Drehzahlregion er gerade herumturnt. Auch wenn die trockenen Leistungsdaten von einem auf Hochdrehzahl fokussierten Triebwerk künden - Kraft ist jederzeit vorhanden.
Der V10 grummelt bereits vom ersten Zündfunken
Am emotionalsten kommt der Schub freilich dann zum Ausdruck, wenn bei rund 4.000 Touren das Auspuffsystem die Klappen aufreißt und der brachiale Vortrieb von einer orchestralen Gewalt flankiert wird. Und wer sich partout nicht satthören kann, der tippt auf Modus Race - dann grummelt der V10 bereits vom ersten Zündfunken an derb, hohl und kehlig. Derart abgerichtet schießt die elektrohydraulische Schaltung (e-Gear) sodann die Gänge fast schon böswillig nach. Also doch besser in den zahmeren Sport-Modus oder auf die leidlich komfortbetonte Automatikstellung wechseln?
Dem Sinn nach diversen Spielereien wird jedenfalls Genüge getan. Offen bleibt der Wunsch jedoch nach etwas feineren Umgangsformen der Bremsanlage. Zunächst legt das Pedal eine überraschend teigige Arbeitseinstellung an den Tag. Der Bediener fühlt sich im verzögerungsarmen Niemandsland, bis die Bremsperformance plötzlich und etwas überraschend doch noch zuschnappt. Je schneller die Fahrt und harscher der Bremseinsatz, desto stimmiger wirkt dann das System. Gleiches gilt auch für die Lenkung. Beim laschen Prominieren agiert sie träge und behäbig. Im schnellen Galopp wird das Feedback zunehmend ausdrucksstärker.
Der offene Stier fordert Entbehrung
Ein paar kleine Entbehrungen fordert also auch der neueste Stier. Zum Beispiel jene, dass das Gardemaß des Lamborghini-Fahrers 1,85 Meter nicht übersteigen sollte. Sonst schließt der Kopf nämlich bündig mit dem Verdeck und auf Höhe des verkürzten Scheibenrahmens ab. Dafür ist im geöffneten Modus sichergestellt, dass einem der Fahrtwind die geplättete Haarpracht schnell wieder auf Maximalhöhe onduliert.







