Fahrbericht des neuen Lotus Evora

Erste Begegnung mit dem 280 PS starken Gran Turismo

Bricht einer der letzten Verfechter von radikalem Leichtbau und Purismus tatsächlich mit den alten Traditionen? Mit dem Evora steigt Lotus zwar ein in die Welt der 2+2-sitzigen Gran Turismo, ihren grundsätzlichen Pfad der Tugend verlassen die Briten aber nicht.

Lotus und Schottland. Puristisches Auto trifft puristisches Wetter. Zumindest die klimatischen Bedingungen harmonieren bestens mit dem gefestigten Weltbild. Ein strammer Wind aus allen Richtungen, Regen in den verschiedensten Variationen - und das mit zuverlässiger Sicherheit auch nur einmal am Tag. So weit, so gut und in dieser Form auch erwartet.

Beste Platzverhältnisse im 2+2-Sitzer

Aber dann das: Ein Einstieg in einen Lotus, der den Glauben an alte Werte aus den Angeln hebt. Es bedarf keines Spagats, keiner einstudierten Hebefigur oder Verrenkung. Wer den neuen Lotus Evora entert, tut dies unspektakulär und mit dem Ansatz von Eleganz. Eine erstaunlich große Pforte öffnet den Zutritt in einen ebenso erstaunlich großen Innenraum. Die Annäherung von Mensch und Maschine führt hinweg über einen flacheren und schmaleren Seitenschweller und hinein in eine zwar tiefe Sitzposition, aber immerhin nicht - wie von Lotus bislang bekannt - gleich hinunter bis aufs Bodenblech. Zwei gut gepolsterte, optimal konturierte sowie in Spannweite und Ergonomie gelungene Recaro-Sitze bescheren Fahrer und Co-Pilot im 2+2-sitzigen Evora beste Platzverhältnisse.

Neuartige Einstellung eines Lotus zur Luftigkeit
 
Auch die restlichen Rahmenbedingungen im Cockpit eröffnen eine neuartige Einstellung eines Lotus zur Luftigkeit. Der Evora macht Schluss mit den klaustrophobischen Zügen von Elise, Exige und Co. Es herrscht eine angemessene Heimeligkeit vor, aber zweifellos keine Beengtheit. Infolgedessen bricht der von Grund auf neu konstruierte Mittelmotor-GT mit einer Länge von deutlich über vier Meter und einem Gewicht jenseits der 1,3 Tonnen zumindest bedingt mit den technischen Lotus-Werten. Nach 13 Jahren ist der Evora schließlich der Erste seiner Art, der nicht auf das ursprüngliche Aluminium-Chassis der Elise aufbaut.
 
Die Philosophie vertritt er freilich dennoch. Und die lautet: "Performance through Lightweight". Um dem Wahlspruch gerecht zu werden, bildet auch das Rückgrat des Evora ein stabiles Chassis aus in Leichtmetall gefertigten Strangpressprofilen mit vorderem und hinterem Hilfsrahmen. Über das insgesamt lediglich 206 Kilogramm schwere Gebilde stülpt sich eine elegante und für einen Mittelmotorsportwagen typisch proportionierte Karosserie aus Kunststoff. Beides wird in einer handwerklich äußerst soliden und in Anbetracht dessen wertigen Art miteinander vermählt.
 
Grundpreis liegt bei 59.990 Euro
 
Der finanzielle Einstieg in den Evora beginnt bei 59.990 Euro. 3.510 Euro kostet die Aufrüstung zum 2+2-Sitzer. Obgleich die rudimentäre hintere Sitzreihe - wenn überhaupt - als Kleinkinder-Bank taugt. Großzügiger fällt da schon die Serienausstattung aus. Dazu zählen zwei Airbags ebenso wie eine Servolenkung, eine Klimaanlage, ein bissiges Bremssystem mit ABS, abschaltbare Traktionskontrolle, elektronisches Sperrdifferenzial, Teilleder-Staffage und ein HiFi-System von Alpine inklusive iPod-Anschluss. Eine Verweichlichung ist trotz dieser reichhaltigen Features nicht in Sicht.

Fahrspaß wird oberste Priorität eingeräumt
 
Der Evora bleibt vom doppelten Dreieckslenker bis zum Kuppeldach ein Lotus. Ein spürbar gepflegterer zwar, wenn man den für einen seines Genres angemessenen Abrollkomfort in Betracht zieht. Aber mit Tugenden gesegnet, die eine höchstmögliche Agilität garantieren. Straff, aber in ihrer Arbeitweise feinfühlig gehen die Feder-Dämpfer-Komponenten ans Werk. Zusammen mit der zielgenauen Lenkung werden die Kräfte somit gebündelt, um dem Fahrspaß oberste Priorität einzuräumen. Daran ändert auch die Gewichtsverteilung von 40 zu 60 Prozent nichts.
 
Der Hecktriebler wieselt exakt, verlässlich und unkapriziös durch das Kurvengeschlängel im schottischen Hochland. Für einen hierbei standesgemäßen Vortrieb sorgt ein quer vor der Hinterachse platzierter, 3,5 Liter großer Toyota-V6. Dessen 350 Newtonmeter und 280 PS gereichen dem Evora zu sehr guten Fahrleistungen.

Lotus-Blüte soll weitere Früchte tragen
 
Als giftiger Sportmotor gibt sich der Vierventiler aber nicht. Er bewahrt zunächst akustisch wie auch beim Ansprechverhalten Fassung. Ab 4.000 Touren legt sein Biss dann zu, die klangliche Färbung wird kerniger, aber nie übertrieben aggressiv. Das könnte sich ändern, wenn die gelungene Lotus-Blüte weitere Früchte trägt. Die sollen künftig nicht nur in Form eines nachgereichten Automatikgetriebes, sondern auch bezüglich einer angedachten Kompressor-Variante gedeihen.

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Jochen  Übler

Autor:

SPORT AUTO, Heft 6 / 2009

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