24-Stunden-Nürburgring Projekt 2009: BMW M3 GT4-Fahrer Marcus Schurig über sein Horror-Szenario

Beim 24h-Rennen greifen ins Steuer des seriennahen Straßensportwagens BMW M3 GT4 die beiden BMW-Profis Jörg Müller und Andy Priaulx sowie das sport auto-Duo Marcus Schurig und Jochen Übler. Im Interview verrät der Redakteur Schurig, warum er sich der Herausforderung stellt und welches Horror-Szenario er fürchtet.

Diese Woche starten Sie beim 24h-Rennen auf dem Nürburgring mit einem BMW M3 nach GT4-Reglement. Wie groß ist die Vorfreude?
Schurig: Das ist immer ein großes Festessen für mich. Ich schreibe ja das ganze Jahr über Motorsport, tagein, tagaus. Das 24h-Rennen ist normalerweise der einzige Event im Jahr, wo ich selber ins Lenkrad greifen darf. Witzigerweise kommt es mir immer so vor, als habe ich im Cockpit mehr Ruhe, als wenn ich im Pressezentrum oder in der Boxengasse herumtigere, um die letzten Informationen aus Fahrern oder Teamchefs herauszuquetschen. Nach drei Minuten im Cockpit ist die Rübe frei, du konzentrierst dich nur noch auf deine Aufgaben als Fahrer.
 
Warum tut sich ein Journalist das 24h-Rennen trotz der Doppelbelastung aus Schreiben und Fahren eigentlich an?
Schurig: Aus reinem Spaß. Ich bin während meiner Studentenzeit in Köln zehn Jahre lang mit Jahresausweis im Touristikverkehr um die goldene Ananas gefahren. Ich kenne also die Strecke und nach vielen Rennen in der Langstreckenmeisterschaft sowie beim 24h-Rennen kenne ich das Geschäft auf der Nordschleife auch unter Rennbedingungen ganz gut.

Sie bestreiten Rennen also nur auf der Nordschleife?
Schurig: Ich fahre ausschließlich auf der Nordschleife. Als Journalist erhält man hin und wieder auch mal eine Einladung für ein Sprintrennen, zum Beispiel in den gängigen Markenpokalen. Aber das turnt mich nicht mehr sonderlich an. Denn fahrerisch bekommt man regelmäßig einen auf die Mütze, weil die Spezialisten ihr Fahrzeug und die Kniffe bei der Abstimmung so extrem gut kennen. Da hat man keine Chance, meistens überwiegt eher der Frust als der Spaß. Auf der Nordschleife zählt dagegen nicht nur der reine Speed. Du musst den Verkehr lesen können, du brauchst viel Erfahrung, um mit allen Unvorhersehbarkeiten wie Nebel oder Platzregen umgehen zu können. Man darf dem Auto nicht wehtun, denn es soll ja 24 Stunden halten. Man braucht einfach Umsicht und Erfahrung. Ich würde mich fahrerisch als guten VLN-Durchschnitt einschätzen - nicht mehr, aber auch nicht weniger.
 
Was ist das größte Horror-Szenario beim 24h-Rennen?

Schurig: Mit einem kaputten Auto an die Box zurückzukehren. Beim 24h-Rennen besteht die Hauptaufgabe darin, die Nase sauber zu halten, keine Fehler zu machen und alle anderthalb oder zwei Stunden heil wieder an der Box vorzufahren. Mit Ausnahme der Profi-Teams an der Spitze fährt niemand bei diesem Rennen 24 Stunden volle Kalotte. Das macht keinen Sinn, weil sich Fahrfehler einschleichen, die zu Unfällen führen können. Ein Beispiel: Vor zwei Jahren hat ein Team eine kleinere Fahrzeugklasse mit der teaminternen Maßgabe gewonnen: wir fahren permanent zehn Sekunden langsamer als wir eigentlich können. Das ist genau der richtige Ansatz, wenn man eine gute Platzierung in der Klasse erzielen will. Dann hat man ein wenig Luft, um auch auf Überraschungen noch reagieren zu können. Und die gibt es beim 24h-Rennen in der Regel reichlich.
 
Gibt es aus Fahrersicht besondere Highlights wie den Rennstart?
Schurig: Schon, aber den Rennstart selber zähle ich eigentlich nicht dazu, eher die Einführungsrunde vor den 200.000 Fans: das beschert wirklich Gänsehaut-Feeling! Beim Start selber hat man eine enorme Verantwortung, keine Fehler zu machen. Wenn du nach einer Runde mit zerdeppertem Auto in die Box kommst, bist du der Vollpfosten im Fahrerlager. Die Zielankünfte sind auch immer eine tolle Erfahrung, egal ob man das Auto nun selber über den Zielstrich pilotiert oder einer der Teamkollegen. So ein extrem langes Rennen schweißt Piloten und Mechaniker zu einem echten Team zusammen. Der schönste Lohn für die harte Arbeit ist dann immer eine Zielankunft. Aber die echten Highlights für mich als Fahrer bestehen ganz andere Erinnerungen.
 
Zum Beispiel?
Schurig: Der so genannte Schweine-Turn, von zwei Uhr Nachts bis zum Sonnenaufgang. Da sind alle Piloten in einer biologisch bedingten Formkrise, man muss unglaublich konzentriert zu Werke gehen. Oft kommt dann auch noch Nebel dazu, wie vor zwei Jahren, als das Rennen gegen vier Uhr morgens abgebrochen werden musste. Was sich in den zwei Stunden vor dem Rennabbruch ereignet hat - das geht auf keine Kuhhaut!
 
Ein Beispiel, bitte!
Schurig: Da gab es eine 400 Meter lange Nebelwand, mitten auf der Döttinger Höhe, das war kurz vor dem Abbruch. Wenn man auf die Döttinger Höhe kam, konnte man die Sterne zählen, glasklare Sicht. 500 Meter später hat man noch 30 Meter weit sehen können, 400 Meter später hatte man wieder klare Sicht. Es war halt nur blöd, wenn gerade jemand vor dir war, der die erste Runde in seinem Turn in Angriff nahm, denn der wusste das alles logischerweise nicht. Der hat dann eine Vollbremsung hingelegt und ist mit 50 km/h durch die Nebelzone geschlichen – und alle anderen sind mit Vollgas auf der linken Spur vorbeigehämmert. Das war natürlich brandgefährlich, weswegen ich bei jeder Vorbeifahrt an der Box mein Team gebeten habe, zur Rennleitung zu gehen und dem Spuk ein Ende zu bereiten. Aber das sind die Momente, die man ein Lebtag nicht mehr vergisst.

Wie weit könnt Ihr mit dem BMW M3 GT4 nach vorne fahren?
Schurig: Das ist extrem schwer zu beantworten. Auf Grund der Seriennähe des Autos gehe ich davon aus, dass wir nicht in Strandfestigkeitsprobleme laufen sollten. Es liegt also an den Fahrern, das Auto heil über die Runden zu bringen. Die Leistungsdichte an der Spitze ist durch das neue Technikreglement stark gestiegen. Ich prophezeie mal, dass es 2009 schwerer als jemals zuvor sein wird, mit einem seriennahen Auto in die Top Ten vorzustoßen. Aber wir werden es natürlich versuchen, auch wenn der Klassensieg bei den Special-Fahrzeugen (SP10) das oberste Ziel ist.
 
Wie gehen Sie mit dem Druck um, zusammen mit den beiden BMW-Werkspiloten Jörg Müller und Andy Priaulx auf einem Auto zu fahren? Schielt man da nicht zwangsläufig immer auf die Rundenzeiten?
Schurig: Also eines steht mal fest: Jörg und Andy sind ausgebuffte Profis, und man sollte von mir und meinem Redaktionskollegen Jochen Übler nicht erwarten, dass wir schneller fahren als Profis, die seit zehn oder 20 Jahren im Geschäft sind. Das wäre ja auch völlig absurd. Natürlich haben wir den selbst gesetzten Anspruch, uns gut aus der Affäre zu ziehen, auch beim Blick auf die Rundenzeiten. Und in der Vergangenheit ist uns das auch immer gelungen.

Weitere Informationen finden Sie im sport auto-Spezial zum 24h-Rennen auf dem Nürburgring.

24h-Rennen Nürburgring 2009
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Marcus Schurig, Jochen Übler

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