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sport auto-Zeitschrift 08-2010

BMW Alpina Roadster S im Supertest

Test des BMW Alpina Roadster S auf der Nordschleife

Die tiefe Sitzposition in Kombination mit himmelhoher Kopffreiheit ermöglicht Ein- und Ausblicke, die anderen verborgen bleiben müssen. Wenn dann noch der 300 PS starke Sechszylinder seine Drehfreude herausschreit, ist die Roadster-Tour perfekt


Bilder
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Foto: Gargolov, Herzog, Hartmann

Die offene Tour über den „Ring“ ist ein eindrucksvolles Roadster-Erlebnis – insbesondere bei einer Rundenzeit von nur 8.15 Minuten

Die offene Tour über den „Ring“ ist ein eindrucksvolles Roadster-Erlebnis – insbesondere bei einer Rundenzeit von nur 8.15 Minuten

Mit der Herkunft ist das so eine Sache: Manch einer arbeitet ein Leben lang daran, sein Denken und Handeln nach ganz anderen Maßstäben und Maximen auszurichten. Doch trotz aller Anstrengungen scheint sie doch immer wieder durch – wenn auch erst nach vielen Jahren. Zwanghafte Versuche, den wahren Ursprung auszublenden, führen bekanntlich nicht selten auf Abwege und manchmal sogar auf die schiefe Bahn. Was das alles mit Alpina zu tun hat? Nun, der renommierte BMW-Veredler mit Herstellerstatus aus dem allgäuischen Buchloe wird aktuell eher mit Hochleistungs-Automobilen in Verbindung gebracht, die vornehmlich der so genannten gehobenen Lebensart verpflichtet sind. „Autos für Gourmets“ lautet denn auch der Slogan, den Firmengründer Burkard Bovensiepen wohl in Anlehnung an das zweite Standbein der Firma Alpina, den Weinhandel, mit seinen exklusiven Pretiosen in Verbindung gebracht haben will. Wie gut diese gedankliche Verbindung funktioniert, zeigt nicht zuletzt der herausragende Erfolg dieser Manufaktur, die seit Jahrzehnten ein inniges Verhältnis zum BMW-Werk pflegt und es sich deshalb auch erlauben kann, die Modellrange des Großserienherstellers um ein paar besonders herausragende Alternativen zum Werksangebot zu ergänzen. Wie gut die Allianz zwischen den beiden Herstellern funktioniert, obwohl etwa der neue Alpina B5 durchaus in Konkurrenz zu Produkten der BMW M-GmbH steht, zeigt der aktuelle Erfolg auf beiden Seiten. Alpina verkaufte allein 2004 über das eigene Vertriebsnetz weltweit knapp 900 Autos.

Allianz trotz Konkurrenz

Dass die aktuellen Feinschmecker-Autos vom Schlag eines Alpina B7 oder B5 ihren historischen Ursprung in einer weiter entwickelten Weber-Doppelvergaseranlage für den im Jahr 1961 vorgestellten BMW 1.500 haben sollen, mit welcher der Firmengründer dann auf sportlichem Gebiet erste Meriten verdiente, ist insofern bemerkenswert, als der sportliche Hintergrund bei Alpina heute nur noch sehr diffus auftaucht und mit den aktuellen Serienprodukten keine nennenswerte Schnittmenge mehr bildet. Dabei kann sich Alpina einer überaus erfolgreichen Motorsport-Vita rühmen, in der nicht nur so nahmhafte Racer wie Derek Bell, Harald Ertl, James Hunt, Niki Lauda, Dieter Quester und Hans-Joachim Stuck auftauchen, sondern die auch mit großen internationalen Meisterschaften gekrönt wurde. Dass der philosophische Background trotz der Schwerpunktverlagerung hin zum luxuriös verpackten Längsdynamiker aber nie ganz aus dem Blickfeld geriet, dafür gibt es Gott seit Dank handfeste Indizien: Juniorchef Andy Bovensiepen, der heute für die Entwicklung verantwortlich zeichnet, ist nicht nur bekennender Nordschleifen-Fan, sondern als 24-Stunden-Gesamtsieger auf dem Nürburgring auf dem BMW-Werksdiesel dem Thema sportliche Fahrdynamik geradezu auf natürliche Weise verbunden.

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 „Das eine tun, ohne das andere zu lassen“ – dieser Devise folgend bietet Alpina nun als sportliche Ergänzung für den seit Frühjahr 2004 angebotenen Roadster S neben der Originalabstimmung ein spezielles Sportpaket an, das neben Sportbremsbelägen, härterem Stabi und geänderten Federbeinstützlagern ander Vorderachse vor allem auch die besonderen, auf Trockengrip spezialisierten Michelin Pilot Sport Cup-Reifen umfasst. Das alternative Alpina-Sportprogramm ist beim Neukauf des Roadster S praktisch preisneutral und wird als Nachrüstkit für schon ausgelieferte Roadster S sowie auch für den serienmäßigen BMW Z4 3.0i mit 1.800 Euro berechnet. Antriebs- und ausstattungsseitig unterscheidet sich diese sportliche Alpina-Variante grundsätzlich nicht von jenem Modell, das schon im Vergleichstest gegen den Mercedes SLK 350 (Ausgabe 6/2004) mit eindrucksvollen Meriten sowohl motor- als fahrwerksseitig vorstellig wurde. In Kenntnis der Tatsache, dass es in großem Stil die Reifen sind, die letzten Endes die technischen Anlagen des Autos in ganzer qualitativer Ausprägung offen legen – oder eben auch nicht –, kündigt sich mit diesem Alpina-Sportpaket eine Leistungsschau ganz besonderer Güte an. Nicht nur die Z4-Substanz in Form des auf einen zweisitzigen Roadster passend zugeschnittenen Grundlayouts mit vorne längs liegendem Sechszylinder, selbstverständlich Hinterradantrieb und ausgewogener Gewichtsverteilung zwischen den beiden Achsen (51,1 zu 48,9 Prozent), sondern auch die besonderen Alpina-Zugaben – hier sei in erster Linie der 3,4-Liter-Motor genannt – sind es wert, durch besondere Feinarbeit im relevanten Umfeld noch eindrucksvoller herausgestellt zu werden als bisher.

Das Gewicht des Alpina Roadster S ist ausgewogen verteilt

Bleiben wir zunächst beim Motor, der allein durch die hinzugewonnenen Traktionsvorteile ein wahres Feuerwerk abbrennt. Um 0,4 Sekunden unterbietet der Roadster S mit Sport-Setup das Basismodell in der Beschleunigung von null auf 100 km/h: Im Ergebnis erledigt er den Standardsprint in glatten fünf Sekunden. Der Vorsprung weitet sich bis Tempo 180 km/h sogar auf knapp eine Sekunde aus. Was bedeutet, dass der sportlich aufgemachte Alpina in 14,5 Sekunden, die Basisversion in 15,4 Sekunden auf 180 km/h beschleunigt – bei identischem Gewicht und nominell gleicher Motorleistung. In die Zange genommen vom bärigen Drehmoment des Sechszylinders auf der einen und der hervorragenden Traktion der Sportreifen auf der anderen Seite – zumindest im warmen Zustand –, entpuppt sich die serienmäßige Kupplung als schwächstes Glied in der Kette. Allerdings gehören wiederholte Burnouts, so wie sie bei der Beschleunigungsmessung zwangsläufig sind, kaum zum strategischen Profil des 300 PS starken Alpina-Roadsters, dessen Charakter auch in dieser Sportvariante natürlich vornehmlich vom Motor geprägt wird.


Abgesehen von einem leichten, unmaßgeblichen Schütteln im Leerlauf zeigt dieses 3,4-Liter-Aggregat eine bestechende Laufkultur über den gesamten Drehzahlbereich. Gemäß seiner Bauart und des schwingungstechnischen Backgrounds erlaubt sich der Reihensechszylinder während seiner belebenden Tätigkeit nicht die geringsten Vibrationen. Seine Durchzugskraft entpuppt sich regelmäßig als Segen, und seine Drehfreudejagt einem bei jeder sich bietenden Gelegenheit die wohligsten Schauer über den Rücken. Das seidige, warme Sägen des Reihensechszylinders darf generell zu den schönsten Tönen aus dem Reich der Verbrennungsmotoren gezählt werden. Lästig wird es jedenfalls nie. Auch der Alpina Roadster S gehört, ob mit oder ohne „Cup“-Reifen, seinem Wesen nach eindeutig auf die kurvige Landstraße oder auf die Rennbahn. Der Motor und das Fahrwerk schreien geradezu danach. Wie sich am sport auto-Index (spax) von 4,9 leicht ablesen lässt, ist man mit 300 PS und 1.416 Kilogramm Lebendgewicht sozusagen von Natur aus in der Lage, weit vorn mitzumischen. Wenn wie in diesem Fall dann noch die Reifen-Karte gezogen wird, gibt’s an anderer Stelle Tränen. Denn mit der fantastischen Rundenzeit von 1.14,4 Minuten unterbietet der Zweisitzer mit Sportpaket seine Ausgangsbasis auf dem Kleinen Kurs in Hockenheim um nicht weniger als 3,2 Sekunden. Überzeugender kann eine Beweisführung in puncto Fahrdynamik gar nicht gelingen. Gegenüber dem BMW Z4 3.0i sind es gar 3,7 Sekunden, die der Alpina Roadster S auf dieser Strecke gutmacht. Die extrem gesteigerte Fahrdynamik ist natürlich nicht umsonst zu haben.

Der Alpina Roadster S distanziert den BMW Z4

Der Michelin-Sportreifen ist nämlich gemäß seines Anforderungsprofils keine Leuchte auf nasser Fahrbahn, wenngleich sich die Alpina-Sportskanone bei der Nasshandlingprüfung noch recht ordentlich aus der Affäre ziehen konnte. Sobald tiefere Pfützen oder – schlimmer noch – Spurrillen auftauchen, sind alle Zugeständnisse des Sportreifens in Sachen Haftung dahin. Mehr als LKW-Tempo ist bei starkem Regen kaum möglich. Der Preis, der für die außerordentlichen Leistungen auf trockener Piste bezahlt werden muss, ist hoch – aber fair. Wer das Nässe-Risiko umgehen will und bereit ist, die eine oder andere Sekunde auf trockener Fahrbahn liegen zu lassen, arrangiert sich am besten mit der bei Alpina sonst üblichen Michelin-Bereifung in der Spezifikation Pilot Sport. Diese Alternative harmoniert laut Alpina ebenfalls mit den übrigen Ausstattungsmerkmalen des Sportpakets. Die Sportbremsbeläge jedenfalls liefern Traumwerte in Sachen Verzögerung, und das ohne Komforteinbußen etwa in Form lästigen Quietschens. Mit einer Verzögerungsleistung von bis zu 11,9 m/s² bremst der Alpina Roadster S auf dem Level des derzeit Machbaren – aber wohlgemerkt auch wegen der Sportbereifung. Mit normalen Straßenreifen sind, wie der Vergleichstest gegen den Mercedes SLK 350 aus dem Juni letzten Jahres ausweist, Spitzenwerte von 11,0 m/s² möglich. Wobei auch nicht unerheblich ist, dass diese Bremsmessungen mit normalen Standardbremsbelägen durchgeführt wurden.

Die geänderten Federbeinstützlager aus dem Sportpaket sind beim Einsatz üblicher Straßenreifen sicher nicht zwingend erforderlich. Denn sie sind eigentlich nur dazu da, jene negativen Sturzwerte an der Vorderachse zu ermöglichen, mit denen die Sportreifen erst zu Höchstleistung in Sachen Seitenführung auflaufen. Nur die Wirkung des härteren Stabilisators an der Vorderachse bleibt im Grunde genommen im Dunkeln. Denn der Roadster S zeigt in schnell gefahrenen Kurven noch immer eine deutliche Seitenneigung, was im technischen Sprachgebrauch mit Wankneigung um die Längsachse beschrieben wird. Die relativen Aufbaubewegungen führen in Kombination mit den spitz auf Lenkbewegungen reagierenden Sportreifen zu einem nicht ganz unprekären Fahrverhalten, besonders in schnell aufeinander folgenden Wechselkurven – so, wie sie beim Slalom oder beim Ausweichtest simuliert werden. Allerdings lassen sich die Ausbruchversuche des sehr harmonisch geglätteten Hecks mit Hilfe der feinfühlig arbeitenden Lenkung gut parieren – sofern der Fahrer etwas vom Handwerk am Volant versteht. Da die Feder-/Dämpferraten grundsätzlich identisch sind, sind jedenfalls nur geringe Komforteinbußen zu beklagen. Sie resultieren bei Geradeausfahrt einzig und allein aus dem härteren Abrollverhalten der mit niedrigen Querschnitten und entsprechend steifen Flanken gesegneten Sportpneus. Querfugen etwa auf der Autobahn werden aus diesem Grund recht hart und unvermittelt an den verlängerten Rücken weitergereicht. Was aber wegen der ergonomischen Gegebenheiten im Cockpit niemals drastische Züge annimmt.

Die Sportreifen sorgen für Komforteinbußen

Die Ergonomie im serienmäßig schon perfekt eingerichteten und ausgestatteten Alpina-Innenraum ist ohne den geringsten Tadel – im Gegenteil: Das typische Alpina-Ambiente vermittelt pures Wohlgefühl – sowohl beim entspannten Cruisen als auch bei Querbeschleunigungs-Orgien. Solche können beispielsweise auf der Nordschleife minutenlang gefeiert werden. Exakt 8.15 Minuten dauert im Extremfall eine Umrundung der legendären Rennstrecke, auf der sich wie auf keinem anderen Straßenstück weltweit die Spreu vom Weizen so deutlich trennen lässt. Die eindrucksvolle Rundenzeit sorgte denn auch für ein ständiges Grinsen der Besatzung und hat gleichfalls erstaunte Gesichter bei der mitunter von Standesdünkel belegten, etablierten Konkurrenz hervorgerufen. Die Basis BMW Z4 3.0i, obwohl fahrdynamisch zweifellos ein starkes Stück, lässt der Alpina Roadster S mit Sportpaket um 17 Sekunden hinter sich. Auf dem Ring wird ein solches Hintertreffen durchaus als veritable Schmach empfunden. Aber da Alpina sich bekanntlich nicht als Konkurrenz zu BMW, sondern als eine Ergänzung sieht, geht die Sache wohl in Ordnung .

Basisdaten
Marke BMW Alpina
Modell Roadster S
Baujahr 04/2004
Grundpreis 54.950 Euro
Motor Reihenmotor 6 Zylinder
Ventile 4 pro Zylinder, dohc
Bohrung mal Hub 87,0 x 93,8 mm
Hubraum 3346 cm³
Verdichtung 10,2:1
Leistung 300 PS (221 kW) bei 6300 U/min
Drehmoment 362 Nm bei 4800 U/min
Literleistung 90 PS (66kW)/Liter Hubraum
Kraftübertragung Hinterradantrieb
Getriebe 6-Gang vollsynchronisiert
Gangübersetzungen I. 4,35, II. 2,496, III. 1,665, IV. 1,234, V. 1, VI. 0,851,
Achsübersetzung 3,23
 
Fahrwerk
Radaufhängung (vorn/hinten) Einzelradaufhängung / Einzelradaufhängung
Federung
(vorn/hinten)
mit McPherson-Federbeinen / mit Schraubenfedern, Stoßdämpfern
Stabilisatoren (vorn/hinten) ja / ja
Bremsdurchmesser (vorn/hinten) 325/294 mm
Reifenmarke Michelin Pilot Sport Cup
Reifen (vorn) 235/35 ZR 19
Felgengröße (vorn) 8,5 J x 19
Reifen (hinten) 265/30 ZR 19
Felgengröße (hinten) 9,5 J x 19
 
SPAX
sport auto-Index 4.9
Autor: Horst von Saurma
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