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sport auto-Zeitschrift 09-2010

Mercedes SL 65 AMG Black Series im Supertest

Hat der Straßensportler das Zeug zum Überflieger?

Die letzte Supersport-Variante auf Serienbasis zwang die AMG-Konstrukteure noch zum einen oder anderen Kompromiss. Bis zum Erscheinen des von Grund auf völlig neu entwickelten SLS trägt die Black Series-Variante des SL 65 AMG jedoch das Blaue Band des schnellsten je gebauten Mercedes-Straßensportlers.


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Foto: Frank Herzog

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Die Antwort auf die Frage, was machbar ist, hängt bekanntlich nicht davon ab, wo man sich gerade in geistiger, moralischer oder technischer Hinsicht befindet, sondern davon, wo man hin will. Mittlerweile werden Skizentren im Wüstensand gebaut, künstliche Inseln im Meer aufgeschüttet, und in Grönland werden bereits Flächen für den Weizenanbau eruiert. Warum also nicht aus praktischen, viertürigen Gebrauchs-Limousinen Rennwagen bauen oder ein SUV mit Geländewagen-Vergangenheit in ein reinrassiges Sportcoupé verwandeln?

Seit Volker Mornhinweg die Geschicke bei der sportlichen Mercedes-Tochter AMG leitet, sind auch im schwäbischen Affalterbach die Gedanken freier und die Ziele ambitionierter geworden. Warum - so lautet nun dort die legitim erscheinende Frage - sollte AMG keine eigenständige Sportwagenentwicklung betreiben? Und warum sollte man sich als adoptierter Enkel des Auto-Erfinders nicht die Freiheit nehmen dürfen, in allen Genres ein Fanal zu setzen oder doch zumindest eine Duftmarke zu hinterlassen?

Ein optisch betont sportlich aufgemachter Überflieger

Nach dem selbstbewussten Motto: Von dort, wo wir sind, geht's noch weiter. Entsprechend dieses neu formulierten Dogmas war das Projekt namens SL 65 AMG Black Series sozusagen eine nahe liegende Verpflichtung. Das sahen wohl auch die treuen Kunden so, die - ohne intime Kenntnisse über die wahre Leistungsfähigkeit des knapp 330.000 Euro teuren, optisch betont sportlich aufgemachten Überfliegers zu haben -, alle verfügbaren Kaufverträge (350 Exemplare) binnen kürzester Zeit zeichneten.

Ihre Risikobereitschaft in Ehren: Einen über zwei Tonnen schweren, mit allem Komfort ausgestatteten Mercedes SL 65 AMG, der als perfekter Verwandlungskünstler und Vermittler zwischen den Welten sowohl als heimeliges Luxuscoupé als auch als luftiges Freiluftvergnügen reüssieren kann, in einen Supersportwagen zu verwandeln, ist in etwa so aufwendig wie die 20,6 Kilometer lange Nürburgring Nordschleife mit einem Regendach und einer beheizbaren Fahrbahn auszustatten. Technisch betrachtet ist beides möglich - aber wie? Man muss es also nur wollen und sich leisten können.

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Konsequente Hinwendung zur Sportlichkeit
 
Um den Beweis anzutreten, hat die AMG-Entwicklungsmannschaft um Tobias Moers Register gezogen, die bei AMG bislang nicht unbedingt Priorität hatten. Der Leichtbau etwa oder die damit verbundene konsequente Hinwendung zur Sportlichkeit in Sinne einer maximalen Querdynamik. Die PS-mäßige Anpassung an das Supersport-Segment dürfte noch die allerleichteste Übung gewesen sein, obwohl die bereits mit 612 PS antretende Ausgangsbasis SL 65 AMG im Grunde genommen keinen echten Handlungsbedarf erkennen lässt. Da aber die Leistungssteigerung des mit knapp sechs Liter Arbeitsvolumen operierenden Zwölfzylinders offensichtlich mit einfachen Mitteln zu bewerkstelligen und zudem von den Kunden gewünscht war, wurde der Status Quo auch im Bereich des Motors kurzerhand außer Kraft gesetzt.
 
Der Schluck aus der Leistungspulle geriet allerdings maßvoll. Weil die beiden neu implantierten Turbolader mit ihren um zwölf Prozent vergrößerten Spiralquerschnitten die zwölf, je knapp 500 Kubikzentimeter großen Brennräume so energisch und effizient unter Druck setzten, musste die anstehende Eskalation in den Brennräumen künstlich zurückgefahren werden. Ohne elektronische Züchtigungsmaßnahmen wäre es auf Dauer wohl zu folgenschweren Differenzen mit dem nachgeschalteten Antriebsstrang gekommen.
 
Der Zwölfzylinder wird eingebremst
 
Die gütliche Einigung auf der Motorenseite sieht demnach folgendermaßen aus: Der nominellen Höchstleistung von 670 PS bei gerade mal 5.800/min steht ein (elektronisch begrenztes) Drehmoment von 1.000 (sprich: tausend) Newtonmeter gegenüber, das der Big Block im Drehzahlbereich zwischen 2.200 und 4.200 Umdrehungen so beiläufig, jovial und im Ergebnis so ungeheuer wirkungsvoll anmeldet wie Kanzlerin Merkel ihre Machtansprüche.
 
Dieser Zwölfender - so gewalttätig er auch ist - läuft tatsächlich mit gebremstem Schaum. Was er in geschmeidiger Zusammenarbeit mit dem dieses massive Drehmoment verkraftenden Fünfgang-Automatikgetriebe anstellt, hat Seltenheitswert. Das vom Charakter her nicht wiederzuerkennende SL-Derivat geht ab wie die sprichwörtliche Wildsau.
 
Der Druck des Motors ist allgegenwärtig, nachhaltig und in der gebotenen Dramaturgie von solcher Lässigkeit, dass man ihm eher die technische Nähe zu einem Raketentreibsatz zugestehen würde als die zu einem konventionellen Verbrennungsmotor. Auch wenn der Sprint bis 100 km/h aus dem Stand nicht ganz in der vom Hersteller angesagten Zeit von 3,8 Sekunden nachvollzogen werden konnte, so bleibt einem jedesmal die Spucke weg, wenn der Gasfuß mal wieder lustvoll ins Zucken gerät.
 
Er lässt die Masse von 1,9 Tonnen wird fast gänzlich vergessen
 
Zweifel an der längsdynamischen Klasse hat es im starken AMG-Umfeld noch nie gegeben, und so markiert denn auch das Black Series-Modell auf SL-Basis wie selbstverständlich eine neue Mercedes-Bestmarke. Dass sich dieser mit Abstand stärkste AMG-Mercedes auch in querdynamischer Hinsicht so erfolgsorientiert zeigen würde, war in dieser zwingenden Logik allerdings nicht zu erwarten. Schließlich sind der Genmanipulation auf dem Automobilsektor noch sehr enge Grenzen gesetzt.
 
Anders ausgedrückt: Trotz des ernüchternden Ergebnisses der mit großen Kosten und Mühen realisierten Abspeckmaßnahme präsentiert sich hier ein Sportwagen, der es aufgrund seiner erstaunlich behänden Art vermag, die Masse von vollgetankt 1.880 Kilogramm fast gänzlich vergessen zu machen. Das spontane Einlenkverhalten und die als Fahrer jederzeit nachvollziehbaren und gut zu parierenden Reaktionen im Grenzbereich weisen ihn als Profi seines Fachs aus.


Achtbare Ergebnisse im Slalom und Ausweichtest
 
Schon die achtbaren Ergebnisse im Slalom und Ausweichtest sind erste stichhaltige Beweise dafür, dass es mit gekonnten Eingriffen in die technische Struktur doch möglich ist, einen bislang als unmöglich geltenden Paradigmenwechsel darzustellen - auch wenn es auf den ersten Kilometern im Stadtverkehr nicht zwingend danach aussehen mag, man sei in dieser Technik/Mensch-Konstellation dazu auserwählt, Großartiges in Sachen Fahrdynamik bewerkstelligen zu können. An die schiere Größe, speziell was die Dimension in der Breite angeht, muss sich der Fahrer wie bei allen anderen Spitzenerzeugnissen des Genres erst einmal gewöhnen, wenngleich es an der Übersichtlichkeit durch die nicht zu tief gewählte Sitzposition generell nichts auszusetzen gibt.
 
Die etwas hölzerne, grummelige Art, mit der der Über-AMG etwa beim Abbiegen im Schleichverkehr durch die Sperrwirkung des Hinterachsdifferenzials vorstellig wird, ist genau wie die in Ansätzen vorhandene Neigung, in Kurven auch unter Einfluss des ESP bei geringfügig zu viel Gas schnell mal eben mit dem Heck zu zucken, bloß ein Warnsignal - eines, das die Gewalt auf gesunde Art sehr anschaulich macht und mit dem unbedarften Beisitzern zur Not auch etwas Blässe ins Gesicht gezaubert werden kann. Der notwendige Respekt vor 1.000 Newtonmeter Drehmoment wird auf diese Weise selbstredend auch beim Fahrer wie selbstverständlich eingefordert.
 
Es ist nicht bösartig, was er macht, sondern nett gemeint
 
Das automobile Kraftwerk läuft in kundiger Hand erst dann im geschmeidigen Modus, wenn der Raum weit, die (elektronischen) Fesseln kurz und der Ehrgeiz angestachelt sind. Erst mit der notwendigerweise allmählichen Annäherung an den Grenzbereich eröffnet sich dem Fahrer ein neuer Horizont mit einem in sich schlüssigen und gefestigten Fahrprogramm. Gefühlvollen Umgang mit dem Gaspedal vorausgesetzt, zeigt sich am fahrdynamisch sehr hoch angesiedelten Limit nach agilem Einlenken eine leichte, sicherheitsbetonte Untersteuerneigung, die in jeden Fall - wieder etwas Gefühl am Gasfuß vorausgesetzt - in eine neutrale oder bei Bedarf auch in eine leicht übersteuernde Kurvenfahrt umgemünzt werden kann.
 
Die bei ausgeschaltetem ESP in nahezu allen Fahrsituationen prinzipbedingte Ausbruchneigung des Hecks mag zwar für viele einen grundsätzlich beängstigenden Charakter haben, zeigt sich im Black Series-Modell aber in - sagen wir - gesellschaftsfähiger Ausprägung. Anders ausgedrückt: Es ist nicht bösartig, was er macht, sondern nett gemeint. Man muss eben nur wissen, wo, wann und wie man mit ihm spielt.
 
Komplett neu konstruiertes Sportfahrwerk
 
Bei aller Anzüglichkeit, die bei artfremder Betrachtung dahinter entdeckt werden könnte: Der behütende Charakter ist seinem Wesen bei aller natürlichen Gewalttätigkeit nicht abzusprechen. Damit ist nicht nur die fest installierte Dachhaut in CFK mit integriertem Überrollbügel gemeint, die nun etwas flacher über den Köpfen der Zweier-Besatzung nach hinten ausläuft. Das komplett neu konstruierte, in der Zug- und Druckstufe der Dämpfer und in Spur und Sturz voll einstellbare und deutliche breiter aufgestellte Sportfahrwerk zeigt sich bei aller konstitutionellen Härte sogar kompromissbereit in der Darstellung von Fahrkomfort.

Langstreckentauglich und mit ordentlichem Kofferraum
 
Weder die trockene Härte im Abrollen noch der teilweise Verzicht von Dämmstoffen und die damit doch recht lauten Abrollgeräusche der superbreiten Dunlop-Reifen führen zu Abwehrreaktionen des Körpers. Kurzum: Auch lange Etappen lassen sich im komplett schwarz gehaltenen, mit Nappaleder, Alcantara und Karbon stilvoll und detailverliebt ausgekleideten Innenraum locker in Angriff nehmen, sofern ein gesundes Maß an Zugeständnissen vorhanden ist. Die recht sparsam gepolsterten Sportschalen in leichter CFK-Bauweise sind zwar hinsichtlich der erreichbaren Querbeschleunigung - Stichwort Körperfixierung - sehr gut entwickelt, aber recht dünnhäutig und damit hart in der Oberfläche.
 
Dass auf der anderen Seite auf einen ordentlich bemessenen Kofferraum nicht verzichtet werden muss, könnte in dieser Preisklasse wiederum ein entscheidender Kaufanreiz sein. Neben den leichten Sitzen und der an der Karosserie umfänglich vorgenommenen Kilo-Einsparung durch Einsatz wertiger und sündhaft teurer Kohlefaser-Verbundwerkstoffe sind es auch die technisch hochwertigen Komponenten wie beispielsweise die Bremsen, die trotz ihrer deutlich gewachsenen Dimension mithelfen, das selbst gesetzte Sparziel von einer Vierteltonne zu erreichen. Die rundum innenbelüfteten und perforierten, im Durchmesser 390 und 360 Millimeter großen Verbund-Scheibenbremsen ließen sich weder bei der Bremsmessung in Hockenheim, noch bei den Rundenzeit-Messungen auf den beiden Rennstrecken ein Zeichen von Schwäche entlocken, weshalb der gewaltigen positiven Beschleunigung auch eine entsprechend negative Verzögerung entgegensteht.
 
Gute Verzögerung bei Vollbremsungen aus Höchstgeschwindigkeiten
 
Verzögerungsleistungen von bis zu 11,7 m/s² dürfen in dieser Gewichts- und Leistungsklasse erst recht ein nicht verzichtbares Entgegenkommen sein. Wer je - ob freiwillig oder unter Zwang - eine Vollbremsung aus einer Höchstgeschwindigkeit von 320 km/h unternommen hat, wird erst einen endgültigen Begriff davon bekommen, was es heißt, unter Einwirkung ausreichender technischer Vorsorge gestanden zu haben.

Basisdaten
Marke Mercedes
Modell SL 65 AMG Black Series
Baujahr 03/2009
Grundpreis 327.250 Euro
Motor V-Motor 12 Zylinder Abgasturbolader (1.5 bar)
Ventile 3 pro Zylinder, ohc
Bohrung mal Hub 82,6 x 93,0 mm
Hubraum 5980 cm³
Verdichtung 9,0:1
Leistung 670 PS (493 kW) bei 5400 U/min
Drehmoment 1000 Nm bei 2200 U/min
Literleistung 112 PS (82kW)/Liter Hubraum
Kraftübertragung Hinterradantrieb
Getriebe 5-Gang automatisch
Gangübersetzungen I. 3.595, II. 2.19, III. 1.41, IV. 1, V. 0.831,
Achsübersetzung 2,65
 
Fahrwerk
Radaufhängung (vorn/hinten) Einzelradaufhängung / Einzelradaufhängung
Federung
(vorn/hinten)
mit Schraubenfedern, Stoßdämpfern / mit Schraubenfedern, Stoßdämpfern
Bremsdurchmesser (vorn/hinten) 390/360 mm
Reifenmarke Dunlop Sportmaxx GT
Reifen (vorn) 265/35 ZR 19
Felgengröße (vorn) 9,5 J x 19
Reifen (hinten) 325/30 ZR 20
Felgengröße (hinten) 11,5 J x 20
 
SPAX
sport auto-Index 3.4
Autor: Horst von Saurma
Beim Supertest interessiert mich am meisten...


Frank Frank » 07.11.2009, 12:06 Uhr  #7

Schon brachial was Mercedes da bietet. Und vor allem ist das nichtmal die Maximalkraft die der Motor leisten kann.

Wuha sag ich da nur :)

Da kann jeder Ferrari einpacken

Mein Name tut nix zur Sache Mein Name tut nix zur Sache » 03.11.2009, 16:00 Uhr  #6

Also mir gefällt dieser Mercedes besser als der neue SLS. Was mir zu den viel diskutierten Kosten einfällt: ..klar die Kleidung von KIK hält auch warm... will aber trotzdem keiner haben, der sich was edleres Leisten kann... ;o)

Rose Rose » 26.08.2009, 13:35 Uhr  #5

Anmerkung der Redaktion:

Es hat sich tatsächlich um einen Fehler in der Datenbank gehandelt. Der Subaru Impreza WRX STi hat im Supertest 05/04 auf Sportreifen die Nordschleife in 8.24 Minuten umrundet.

Die Rundenzeiten-Übersicht findet Ihr oben in der Navigationsleiste unter der Rubrik Tests - Rundenzeiten Supertests

TM80 TM80 » 25.08.2009, 23:23 Uhr  #4

@ chemieonkel

Ohne Partei führ den Benz ergreifen zu wollen, aber da scheint der Redaktion ein Fehler in der Online-Zeitenliste unterlaufen zu sein.

Subaru Impreza WRX STi (05/2004) Nschleife 8.24min - Hockenheim 1.17,9min

chemieonkel chemieonkel » 24.08.2009, 15:11 Uhr  #3

@snowin

nicht zu vergessen Fahrzeuge wie z.B. ein Impreza WRX Sti der laut Liste gerade mal eine Sekunde langsamer ist. Und das mit weniger als halb soviel Leistung.

Hier sieht man mal wieder das Mercedes längsdynamisch mithalten kann aber es in Sachen Querdynamik ganz schön mangelt. Bei dem Gewicht aber auch irgendwo kein Wunder.

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