Der Lamborghini Gallardo im Supertest
Test des Lamborghini Gallardo auf der Nordschleife
Keine Konventionen, keine Kompromisse - der Zehnzylinder-Gallardo ist von Grund auf neu und gestattet damit tiefe Einblicke in eine neue Lamborghini-Ära.
Dass die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit mit zunehmender Leistung und erweitertem Anforderungsprofil größer wird, ist sicher kein mathematisches Dogma, aber tendenziell nicht von der Hand zu weisen. Fest gefügte Weltbilder geraten überdies zunehmend aus den Fugen, seitdem fast jedes automobile Highlight in kürzester Zeit durch ein Mega- oder Supralight überstrahlt wird. Es wird bei anhaltender Leistungseskalation sicher nicht auszuschließen sein, dass die ersonnenen und in der Theorie bewiesenen Resultate in der Praxis nicht mehr nachvollziehbar sind. Wie gut also, dass es noch Lösungen gibt, die mit Vernunftaspekten korrespondieren und die ihre Bodenhaftung noch nicht verloren haben. Ironie beiseite: Wir reden hier vom „kleinen“ Lamborghini. Vom jüngsten Modell einer Aura-umwobenen Marke, die mit Tradition gesegnet ist, italienische Lebensart vermittelt und seit der Audi-Übernahme sogar mit deutschen Tugenden wirbt. Wir reden von einem Auto, das einen grandiosen V-Zehnzylinder mit nicht weniger als 500 PS in seiner Mitte beherbergt. Von einem, das über ein leichtes, technisch hochkarätiges Aluminium-Spaceframe-Chassis verfügt, einen pfiffigen Allradantrieb bereit hält und mit einem automatisierten Sechsganggetriebe aufwartet.
Der Gallardo-Zehnzylinder leistet 500 PS
Wir reden auch von einem grandiosen Neuanfang namens Gallardo, der nicht zuletzt mit seiner atemberaubenden Linienführung genau jene Sehnsüchte weckt, die auch wir als Heranwachsende beim Anblick eines Miura schon so unmittelbar empfunden haben. Aber der Gallardo wird im Konzern keineswegs das Ende der Fahnenstange markieren. Der Audi Le Mans quattro wird letzten Erkenntnissen zufolge die technischen Ressourcen des neuen Lamborghini nutzen und die Sportwagen-Bühne mit 610 PS betreten. Doch zurück zum Lamborghini: Im Alltag verbindlich soll der Gallardo sein – und mit entsprechenden Reifen sogar wintertauglich. Mit diesem anspruchsvollen Statement seiner Macher er-weiterte sich das Lastenheft des jüngsten Stiers aus Sankt Agata um ein respektables Vielfaches. Denn mit solchen Ansprüchen waren seine Vorgänger nicht mal ansatzweise konfrontiert. Ein Lamborghini hatte seinerzeit einfach nur schnell zu sein. Und selbst jener Beweis wurde ihm nur in den seltensten Fällen tatsächlich abverlangt. Die Zeiten, in denen der imaginäre Sprint in Nullkommanichts erledigt war und der kollektive Glaube daran auch noch Umsätze generierte, sind endgültig passé.

Sportwagen definieren sich heute über Fakten, auch wenn sie dem Kunden infolge eingeschränkter Nachvollziehbarkeit oft nur als Metaphern begegnen – etwa dieser hier: 7.52 Minuten. Mit dieser Rundenzeit auf der Nordschleife des Nürburg-rings legte der Lamborghini Gallardo am späten Nachmittag des 16. Oktober bei einer Außentemperatur von nur acht Grad Celsius einen ersten überzeugenden Leistungsbeweis ab. Die Tatsache, dass er mit diesem Resultat die vom Porsche 911 Turbo vorgelegte Zeit von 7.56 Minuten knackt und dabei nicht mal auf die Grip fördernden Eigenschaften spezieller Sport- reifen zurückgreifen musste, ist veritables Zeugnis einer höchst ausgeprägten Fahrdynamik. Die Show, die der Gallardo ähnlich eindrucksvoll wie seine Ahnen bereits im Stand par excellence beherrscht und mit der er das Publikum für sich einnimmt, entwickelt sich also mit Tempo zu einer erstklassigen Galavorstellung. Er profitiert dabei von einer Topbesetzung, was die fahrdynamisch relevanten Komponenten angeht. Die Bremsanlage, aus nahe liegenden Gründen mit Zugaben aus dem Audi-Regal komplettiert (Bremsscheiben hinten vom RS6), offenbart ebenso wie der serienmäßige Allradantrieb herausragende Talente. Ein segensreicher Umstand, den der Gallardo vor allem auch dem genialen Grundlayout zu verdanken hat.
Der serienmäßige Allradantrieb des Gallardo ist ein Segen
Hinter der Kürze seines Auftritts – nur 4.300 Millimeter – verbirgt sich ein Konzept, wie es die Theorie vorschreibt: mittig platzierter Motor mit rückwärtig angeflanschtem Getriebe, ein Radstand, der mit 2.560 Millimeter länger ist als etwa der des Porsche Turbo (2.350 Millimeter) und eine geringfügig hecklastige Gewichtsverteilung von 44,2 zu 55,8 Prozent zwischen Vorder- und Hinterachse. Der permanente Allradantrieb mit zentraler Viscokupplung, variablen Antriebsmomenten und hinterem Sperrdifferenzial (45 Prozent Sperrwirkung) ist in der Lage, unter nahezu allen Umständen für schlupffreien Vortrieb zu sorgen – bei einem Angebot von glatten 500 PS und 510 Newtonmeter Drehmoment ein sehr anspruchsvolles Unterfangen. Die minimale dynamische Radlastverschiebung resultiert aber nicht nur aus der besonderen Gewichtsbalance des Gallardo, dessen Leistungsgewicht bei lediglich 3,2 Kilogramm pro PS liegt. Aufwendige Radaufhängungen mit Doppeldreieckslenkern, spielfreie Gelenke, starke Stabilisatoren sowie begrenzte Federwege stabilisieren das System sozusagen serienmäßig.
Die Eignung zum Topathleten ist dem Lamborghini aber ursächlich in Form des verwindungssteifen Aluminium-Spaceframe-Rahmens in die Wiege gelegt worden. Erst durch die Stabilität in den Grundfesten der Struktur kommt nämlich ein weiterer Stellhebel in Form härterer Federn und entsprechend geänderter Dämpferkennlinien zur Geltung. Das gegen Aufpreis erhältliche Sport-Setup, mit dem der Testwagen ausgestattet war, verbessert bei unveränderter Fahrzeughöhe die Handlingeigenschaften noch einmal geringfügig, was aber – einleuchtend – zu leichten Einbußen im Abrollkomfort führt. Kurze Stöße werden über die niedrigen Querschnitte der 19-Zoll-Reifen ziemlich ungefiltert bis in die straff gepolsterten Sportsitze weitergereicht. Der Verlust an Komfort ist jedoch auch deshalb zu ertragen, weil der Gallardo in der Originalfassung diesbezüglich ausreichende Reserven mitbringt. Schmerzhafte Einbußen sind es jedenfalls nicht, die im Cockpit erduldet werden müssten. Denn der Innenraum weist über diesen Aspekt hinaus nicht den geringsten Reibungspunkt auf. Der Wohlfühlfaktor ist – im Gegenteil – immens: Staturen jeglichen Formats fühlen sich im Gallardo passend untergebracht, auch weil die üppigen Verstellbereiche von Sitz und Lenkrad so gut wie keine aller möglichen Positionen unberücksichtigt lassen. Die Ergonomie hinter dem unten abgeflachten, indes etwas groß geratenen Lederlenkrads ist genial. Nur mit der Übersicht, speziell nach vorn, ist es nicht weit her.
Der Gallardo bietet nach vorne nicht viel Übersicht
Das handwerklich sehr solide verarbeitete und geschmackvoll mit Leder ausgekleidete Interieur lässt auch in puncto Bedienbarkeit keine Wünsche unbeachtet. Der Einsatz von Audi- Komponenten, wie beispielsweise der Klimaanlage, kollidiert keineswegs mit dem Anspruch an einen Superstar und passt in Anbetracht der Funktionalität vortrefflich ins Konzept. Von Identitätsverlust keine Spur. Authentizität gewinnt der Gallardo ohnehin auf anderem Gebiet – durch den V10-Motor beispielsweise, der es mit den ungewohnt koordinierten Verbrennungsabläufen schafft, sämtliche Sinne ohne Umschweife in Beschlag zu nehmen. Da ist zum einen der betörende Klang, der im Zentrum der Macht, also im Cockpit, noch schönere Klangwelten produziert, als von außen genossen. Die Aggressivität eines brüllenden Rennmotors kennzeichnet ihn allerdings nicht. Der sonore Sound konstituiert sich eher auf dumpfer Ebene. Nervöses Kreischen gehört nicht zum Repertoire des V10. Das automatisch eingespielte Zwischengas-Bellen beim Herunterschalten kommt auch nicht spitz und gellend aus dem Off – wie etwa beim Ferrari 360 Modena – sondern lang gezogener, in einer etwas getrageneren Bedächtigkeit. Gleichwohl gehen die akustischen Intermezzi mit einem Vorwärtsdrang einher, der nur wenige Parallelen kennt.
Der Supertest-Gallardo springt auf Gasbefehl förmlich vom Fleck weg auf 100 km/h – und zwar laut Messprotokoll in 4,0 Sekunden. Die 200 km/h-Hürde nimmt er – völlig unangestrengt wirkend – nur neun Sekunden später, also nach 13,0 Sekunden. Die unspektakuläre Art der Leistungsdarbietung ist fast schon wieder auffällig. Was leicht dazu führt, das tatsächliche Tempo und mithin auch das wahre PS-Szenario zu unterschätzen. Der Gallardo geht wie die sprichwörtliche Wildsau. Aber er verheimlicht sozusagen die Dramatik seines Vorwärtsdrangs durch kontinuierliche Leistungsentfaltung, hohe Laufkultur und vor allem durch ein Umfeld, das die 500 Pferdestärken wie selbstverständlich integriert. Die Vorteile des in der ersten Serie implantierten automatisierten Sechsganggetriebes – bei Lamborghini zur Abwechslung mal „E-gear“ genannt – offenbarten sich im Gallardo sehr überzeugend, auch wenn die Abläufe noch nicht die Perfektion erreicht haben, wie sie etwa beim SMG-Getriebe des BMW M3 CSL zu beobachten ist. Auf langsame Fahrt und kalten Motor schien zumindest die Software des Test-Gallardo noch nicht in vollem Umfang eingestellt zu sein, was neben ruckartigen Schaltvorgängen gelegentlich auch unmotivierte Gasstöße vor dem Auskuppeln zufolge hatte – ein kleiner Satz vorwärts inklusive.
Die Gänge wechseln schon mal ruckartig
Unabhängig davon: Das unbekümmerte Schalten per Fingerspiel vor den Kurven, im Scheitelpunkt oder auch im Ausgang von Kurven gestaltet die Reise am Limit naturgemäß erheblich entspannter. Zumal das Risiko ungewollter Lastwechsel durch ungeschliffene, von Hand vorgenommene Schaltvorgänge durch den perfekt automatisierten Vorgang völlig gebannt ist. Die Konzentration auf das Wesentliche, also auf das vor einem liegende, dürfte mit dem konventionell zu schaltenden Sechsganggetriebe, das ab Frühjahr 2004 erhältlich ist, sicher etwas mehr Aufmerksamkeit erfordern. Angesichts des narrensicheren Fahrverhaltens, das dieser wahrhaftige Supersportler auch bei extremen Fahrmanövern an den Tag legt, bleiben jedoch auch in Momenten höherer Konzentration immer ausreichend Ressourcen übrig, um das Glücksgefühl nicht verdrängen zu müssen.
| Basisdaten | |
|---|---|
| Marke | Lamborghini |
| Modell | Gallardo |
| Baujahr | 04/2003 |
| Grundpreis | 142.100 Euro |
| Motor | V-Motor 10 Zylinder |
| Ventile | 4 pro Zylinder, dohc |
| Bohrung mal Hub | 82,5 x 92,8 mm |
| Hubraum | 4961 cm³ |
| Verdichtung | 11,0:1 |
| Leistung | 500 PS (368 kW) bei 7800 U/min |
| Drehmoment | 510 Nm bei 4500 U/min |
| Literleistung | 101 PS (74kW)/Liter Hubraum |
| Kraftübertragung | Allradantrieb |
| Getriebe | 6-Gang vollsynchronisiert |
| Gangübersetzungen | I. 2,563, II. 1,85, III. 1,423, IV. 1,138, V. 0,939, VI. 0,806, |
| Achsübersetzung | 3,08 |
| Fahrwerk | |
| Radaufhängung (vorn/hinten) | Einzelradaufhängung / Einzelradaufhängung |
|
Federung (vorn/hinten) |
mit Schraubenfedern, Stoßdämpfern / mit Schraubenfedern, Stoßdämpfern |
| Stabilisatoren (vorn/hinten) | ja / ja |
| Bremsdurchmesser (vorn/hinten) | 365/335 mm |
| Reifenmarke | Pirelli P Zero Rosso |
| Reifen (vorn) | 235/35 ZR 19 |
| Felgengröße (vorn) | 8,5 J x 19 |
| Reifen (hinten) | 295/30 ZR 19 |
| Felgengröße (hinten) | 11 J x 19 |
| SPAX | |
| sport auto-Index | 3.6 |
Tests und Fahrberichte
Nicht gleich durchdrehen - die passenden Sommerreifen und Winterreifen aller Hersteller finden Sie hier.

































