Mazda RX-8 trifft Mazda Cosmo Sport 110S (L10A)

Generationenvergleich japanischer Wankel-Sportler

Mazda RX-8, Mazda Cosmo Sport 110S (L10A)

Der Mazda RX-8 und sein Vorfahre Cosmo Sport sind Mitglieder eines exklusiven Clubs: Ihre Seele dreht sich, statt sich wie beim Hubkolbenmotor zu heben und zu senken. Zwei Wankel-Sportler im Portrait.

Sesam, öffne dich! Klappernd schwingt das monumentale Hallentor auf. Beim Erstkontakt mit Walter Freys Autosammlung herrscht Reizüberflutung wie in Tokio zur Rushhour. Ob Kleinwagen, Mittelklasse-Vehikel oder Sportler, dicht gedrängt bevölkern Preziosen nahezu jedes Fleckchen des Betonbodens. Der Mazda-Händler aus Gersthofen bei Augsburg sammelt Autos wie andere Leute Briefmarken oder Biergläser. 150 oder 160? Bei der genauen Anzahl seiner automobilen Lieblinge gerät der 65-Jährige ins Grübeln. Ein besonderes Technik-Schmankerl seiner großen Sammlung: 50 Exemplare werden von einem Wankelmotor befeuert.

Ein exotischer Kreiskolben-Vertreter aus dem Hause Mazda bittet zum Treffen mit seinem wankelmütigen Urenkel: Der aktuelle Mazda RX-8 ist zu Besuch beim Mazda Cosmo Sport 110S. Der japanische Automobilhersteller präsentierte einen Prototypen des Coupés erstmals 1964 auf der Tokio Motor Show. Im Mai 1967 lief die Serienproduktion an, und der Cosmo schnappte sich dreieinhalb Monate vor dem deutlich bekannteren Wankelfahrzeug NSU Ro 80 den inoffiziellen Titel des ersten Serienfahrzeuges mit Zweischeiben-Wankelmotor. Bis September 1972 rollte der in Hiroshima größtenteils in Handarbeit gefertigte Sportwagen pro Monat rund 30 Mal in zwei unterschiedlichen Generationen (110 PS und später mit 128 PS) aus den Werkshallen. Die niedrige Produktionszahl (1.519 Einheiten) und sein einstiges Revier machen den Cosmo heute zu einem nahezu unbekannten Exoten.
 
"Der Wagen wurde nur für den japanischen Markt produziert. In Europa gibt es heute vier Exemplare", erzählt Walter Frey stolz. Der Cosmo-Fan stöberte seinen weißen Wankel-Sportler von 1968 bei einem USA-Trip in den 80er Jahren in New Jersey auf. Unter der lang gezogenen Motorhaube des nur 343 Mal gebauten Modells der ersten Generation beatmet ein Vierrohr-Vergaser mit zwei Drosselklappen das Zweischeiben-Wankelherz mit einem Kammervolumen von je 491 Kubizentimetern. 110 PS maximale Leistung klingen schmalbrüstig, doch der rüstige Oldie wiegt nur 940 Kilogramm. Eine der wenigen Messungen für den Sprint von null auf Landstraßentempo datiert aus dem August 1967. Damals gab das japanische Automagazin Motor Fan dem Cosmo die Sporen. Auch ohne Messgerät an Bord sind die gezeiteten 8,8 Sekunden noch heute glaubhaft.
 
Einziges Serienfahrzeug mit Wankelmotor in Deutschland

 
Wankeltypisch vibrationsfrei und leichtfüßig rauscht der japanischen Hecktriebler mit sagenhafter Laufkultur über die bayerischen Landstraßen. "Man kann ohne Probleme bis 8.000/min drehen", hatte Autosammler Frey vor der Ausfahrt verraten. Gesagt, getan. Unterhalb von 4.000/min wirkt der Sport-Historiker noch etwas schläfrig. Auch im geistigen Cosmo-Nachfolger, dem seit 2003 gebauten und 2009 optisch leicht retuschierten RX-8, gehören hohe Drehzahlen zum Kreiskolben-Schauspiel. Das derzeit einzige Serienfahrzeug auf dem deutschen Markt mit Wankelmotor erreicht seine maximale Leistung von 231 PS erst bei 8.200 Umdrehungen. Ein sanft bimmelndes Alarmglöckchen läutet bei 9.200 Touren das Ende der Drehzahlorgie ein. Unterhalb von 6.000/min herrscht tote Hose.
 
Auch wenn die geschwungene Silhouette und das heisere Kreissägengeräusch Sportwagengene suggerieren, dauert es 7,3 Sekunden, bis der RX-8 die 100 km/h-Marke passiert. Damit verfehlt er die Werksangabe um eine knappe Sekunde. Mehr sportlichen Charakter versprüht das 2+2-sitzige Coupé erst, sobald es die ersten Serpentinen, Haarnadelbiegungen und sonstige Kurvenverläufe wittert. Während der RX-8 beim langsamen Einlenken tendenziell über die Vorderachse schiebt, kommt bei zackigen Lenkmanövern sein keckes Spoilerheck. Doch ob Unter- oder Übersteuern, der Nippon-Sportler bleibt jederzeit gut beherrschbar. Neben der leicht frontlastigen Verteilung des Gesamtgewichts von 1.400 Kilogramm (52,6 zu 47,4 Prozent) sorgt die harmonische Abstimmung des Bilstein-Sportfahrwerks für ein weitgehend neutrales Fahrverhalten.
 
Potenz unter der Motorhaube fehlt
 
Doch das beste Fahrwerks-Setup nützt nichts, wenn die Potenz unter der Motorhaube fehlt. Vor allem auf der Rennstrecke giert der RX-8 nach einer Portion Pferdestärken. Ohne die bleibt ihm eine herausragende Zeit in Hockenheim verwehrt. Für 1.19,6 Minuten gibt‘s auf dem Kleinen Kurs keine Lorbeeren. Mehr Erfolg auf der Rennpiste verbucht sein Wankel-Vorfahre. Auch wenn der Cosmo Sport nicht als Wettbewerbsfahrzeug konzipiert wurde, testete Mazda die Haltbarkeit des Kreiskolbenantriebs im August 1968 beim 84-Stunden-Rennen "Marathon de la Route" auf dem alten Nürburgring (Kombination aus Nord- und Südschleife). Seinen einzigen Sporteinsatz beendete der Cosmo auf Platz vier in der Gesamtwertung.
 
Mit dem japanischen Rechtslenker auf der Nordschleife den Grenzbereich auszuloten, ist heute nur noch schwer vorstellbar. Neben dem Wankelaggregat setzten die Mazda-Ingenieure damals auf eine blattgefederte De-Dion-Achse und Trommelbremsen hinten sowie auf Querlenker, Schraubenfedern und Scheibenbremsen an der Vorderachse. Dem manuellen, voll synchronisierten Viergang-Schaltgetriebe sind die vergangenen Jahrzehnte nur wenig anzumerken. Gangwechsel gelingen leichtgängig und präzise. Die Zahnstangenlenkung verrät das Alter des historischen Mazda dann aber schlagartig. Mit einem Lenkungsspiel von mehreren Zentimetern ist an präzises Einlenken nicht zu denken.
 
Typisch für die damalige Sportwagen-Zeit ist auch das Cosmo-Cockpit. Das dürre Drei-Speichen-Holzvolant erinnert an klassische Nardi-Lenkräder. Sieben analoge Rundinstrumente werfen einen Blick zurück in die Zeit ohne Bits und Bytes. Navi? Natürlich Fehlanzeige. Eine Leselampe erleichtert das Kartenlesen bei Dunkelheit. Die Sitze mit Kunstleder-Stoff-Bezug sind zwar bequem, bieten allerdings kein bisschen Seitenhalt. Heute, vier Jahrzehnte später, schwingt der RX-8 seine vier Türen auf und gewährt einen B-Säulen-freien Blick auf den Innenraum. Perfekt konturierte Schalensitze von Recaro, ein Sportlenkrad mit roten Ziernähten, die Alu-Pedalerie und viel Klavierlack bestimmen hier das Interieur.
 
Außergewöhnliche Technik die fasziniert
 
Langsam neigt sich das Generationentreffen dem Ende entgegen - die zwei Wankel-Helden von Mazda verschnaufen leise knisternd auf den weißen Kieselsteinen im Hof von Walter Frey. „Der Cosmo und der RX-8 faszinieren zum einen mit ihrer Schönheit, zum anderen mit ihrer außergewöhnlichen Technik“, fasst der Autosammler zusammen. Würdiger hätte das Schlusswort nicht ausfallen können.

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